- Durch die Wildheit des Kleinen gereizt, hatten sich ein paar Burschen aus dem Dorf vorgenommen, ein Wildmännli einzufangen. Nachdem etliche andere Bemühungen ohne Erfolg geblieben waren, lockten sie das wilde Männlein mit einem reichen Essen, mit Butter, Wein, Schnaps, Brot und Käse. Es gelüstete den Fänggen gar sehr, an der Mahlzeit teilzuhaben. Zögernd kam er herangetreten, betrachtete das einladende Glas und rief tänzelnd: «Röteli, Röteli, faascht mi nid, tuo nunn zünten wia da witt». Er schnappte das Glas und leerte es in einem Zug. Dann warf er es im Zorn weg und lief taumelnd umher. So kamen die Dorfburschen das Wildmännli einzufangen. Es wusste sich aber mit einer List zu wehren und versprach seinen Peinigern, es würde ihnen ein geheimes Sätzlein preisgeben, wenn sie es nur laufen liessen. Neugierig liessen sie es fahren. Der wendige Kleine nahm einen gewaltigen Satz neben die nächste Tanne hinauf und rief ihnen von oben herab zu: «Bim hübschä Wätter nümm ds Mänteli mit, bim laidä tuä wie d witt». Nach diesen Worten verschwand er geschwind auf nimmer Wiedersehen in die höheren Gefilde des Prättigaus.
- D Furner und ’Danuser heind wellän än Chilchä buän, aber schi sind schän nid eis woordn, wa sch schä stellän söllend. Zlescht siendsch reetig woordn, schi wellend ab Danusa en Ox ab richtn, und dr sterchscht Furner dörf me mid emä Güschpler än Sparz gän, und dört, wa är schi erstelli, wellendsch d Chilchä buän. Und es Tagsch heindsch den bi dr Tatschala zunderscht uf Danusa der Ox z’Wäg gglan. Zeerscht isch er den aber schoon im Ronggji uf dr Grenze zwüschet denä beedn Gmeindn stahn bblibn. Schi heind den aber gsehn, dass das kein Platz weeri zum än Chilcha ufstellän. Und duä hed dr Furner däm Ox törfn es zweits Mal än Sparz gän, Dr Ox ischt den ab ggloffn bis in den Bach. Schi heind den aber gsehn, dass dört au nid dr rächt Platz wee, und heind den d Chilcha witer dinna gäbuän, wa sch hüt steid.
- Das karge Gebiet der heutigen Totalp war vorzeiten mit fruchtbaren Weideflächen bedeckt und von würzigem Kräuterduft durchzogen. Kein Wunder, dass sich dort im Hochsommer die Herden prächtig nährten und fröhliches Schellengebimmel zu vernehmen war. In diesen vergangenen, ergiebigen Zeiten versah einst eine zierliche, aber tüchtige und zuverlässige Sennerin die Alp. Die Schöne hatte es zwei Burschen aus dem nahen Klosters angetan. Sie gefiel ihnen ausgezeichnet. Die jungen Bauern hätten sie beide gern zum Traualtar geführt und auf ihren begüterten Höfen willkommen geheissen. Da es aber noch nicht ausgemacht war, welcher von den zwei Bewerbern die Sennerin bekommen sollte, hatten beide ein Auge auf sie. Jeder versuchte, sich von der besten Seite zu zeigen. An Sonntagen suchten sie die Umworbene im besten Kleid auf, grüssten höflich und schätzten sich glücklich, wenn sie mit ihr ins Gespräch kamen. Einer versuchte, den andern zu übertreffen, auch wenn es darum ging, die Sennerin mit Geschenken wohlgesinnt zu stimmen.
Diese reagierte zwar nicht gerade gänzlich abweisend, aber doch eher zurückhaltend, vielleicht schon deshalb, weil sich ihr Herz nicht so schnell für den einen oder andern entscheiden konnte. Obwohl sie hoffnungsvoll in dieses hineinhorchte, verfolgte sie den Lauf der Dinge mit gemischten Gefühlen. Die zwei Ledigen aber wurden mit der Zeit ungeduldig und drängten auf eine Entscheidung. Sie benahmen sich immer ungehaltener, neckten die Begehrte stets dreister, wurden zudringlich und frech, bis es der Sennerin nicht mehr behagte.
Sie erzürnte und verliess schliesslich die Alp, tat gar noch einen geheimen Spruch – und seither will nichts mehr auf jenem Alpboden gedeihen. Die schönen Weideflächen bildeten sich zurück und verkümmerten. Die würzigen Kräuter verloren ihren Saft und gingen ein. Daher kommt der Name Totalp. Andere hingegen erzählen, jene beiden Verehrer seien unschuldig am trostlosen Zustand der Totalp. Vielmehr sei die Sennerin eines Sonntags aus eigenen Stücken ins Tal hinuntergestiegen, um an einem Tanz teilzunehmen. Da dem Glücklichen keine Stunde schlägt, dachte unsere Sennerin nicht daran, sich von der fröhlichen Gesellschaft zu trennen, um auf die Alp zurückzukehren. Und doch war die Zeit zum Melken schon längst da. Das wusste auch die Sennerin, aber der Leichtsinn hielt sie von der Pflichterfüllung ab. Sie blieb – und verfluchte die Alp mit ihren Kräutern zur Hölle, sodass die Anwesenden darob erschraken. Die gottlose Verwünschung ging bald in Erfüllung. Fortan wuchs kein Gras mehr auf der Alp. Sie wurde zur Einöde und ist es heute noch.
- Auf der Alp Pardenn besonders beobachtet man zuweilen das «Rucken» des Viehes. Wenn das Vieh in schönster Ruhe am Weiden ist oder die Sennen eben am Melken sind, lässt sich bald nahe, bald ferne ein eigentümliches Schreien und Rufen vernehmen, wovon das Vieh in Unruhe gerät, bis dass es wütend durcheinander rennt und die herzueilenden Hirten mitunter durch das Vieh arg zugerichtet werden. Ist ein Senn eben am Melken, wenn das Vieh «ruckt», tut er am besten, Eimer und Milch im Stiche zu lassen und in möglichster Eile zu flüchten. Nach einer Weile wird dann das Vieh von selbsten wieder ruhig.
- Ein gar freundliches Erlebnis mit einer Schlange war einem ahnungslosen kleinen Mädchen an einem schönen Sommertag während dem Bergheuet beschieden. In der strengen Zeit werden von den Bauernfamilien alle zur Verfügung stehenden Hände benötigt. So nahm einst eine Mutter aus dem Dörfji ihr Kindlein mit an den Berg. Sie setzte es mit einem Korb auf den Boden unter den kühlen Schatten einer schützenden Tanne. Nachdem die junge Mutter ihr Kleines mit einem Schüsselchen voll Milch und Brotbrocken versehen hatte, widmete sie sich mit den übrigen Familienmitgliedern der Arbeit. Mittlerweile war – von den Erwachsenen unbemerkt – eine Schlange hinter dem Korb zum Kind herangekrochen und begann, die Milch aus dem Schüsselchen zu trinken. Da, plötzlich hörten die nahen Heuenden – starr vor Schreck – wie das kleine «Mütterchen» die Schlange belehrte: «Tuä nid nu Milch trichä, iss au Bröchli!» Dabei klopfte das Mädchen der Schlange sachte mit dem Löffel auf den Kopf. Dem Kind ist nichts passiert, und die Familie wusste nun, wie ernst es Anweisungen zu Tische ins Herzchen schloss.
- In Monbiel hütete ein wildes Männlein jahrelang die Kühe. Man trieb sie ihm morgens hinaus bis zu einem grossen Stein, wo es die Kühe in Empfang nahm, und abends brachte es sie wieder dorthin zurück. Zu den Wohnungen kam es niemals. Man legte ihm dann oft Geschenke auf den Stein, unter anderem stellte man ihm einmal einen Schoppen Veltliner hin. Das Männlein betrachtete den Wein und besann sich lange, ob es trinken sollte; endlich setzte es ganz vorsichtig die Lippen an, und da mundete ihm der Wein äusserst wohl, und es trank den ganzen Schoppen.
Auch Speissen legte man ihm öfters hin, die es sich schmecken liess. Endlich kam man auf den unglücklichen Gedanken, ihm ein Paar Schuhe hinzustellen. Es währte lange, bis das Männlein begriffen hatte, wozu sie gehörten. Es entfernte sich dann aber und kehrte nicht mehr zurück. Dieses Männlein hiess Uzy, und der Stein trägt noch jetzt den Namen Uzystein.
- Am Fuss des Madrisahorns erstrecken sich herrliche Alpweiden, die sich durch ihre milchreichen, würzigen Kräuter auszeichnen. Prächtig gedeiht das Vieh, das auf dieser Trift gesömmert wird. Und vorzeiten, als die Fänggen da oben noch heimisch waren und den Hirten in der Pflege der Herden kundigen Beistand leisteten, war das die ertragreichste Alp weitherum im Prättigau. Da schlug sogar das Winterfutter von diesen Weiden bei den Kühen wunderbar gut an. So erzählt die Sage denn auch von dem schönen Wildmädchen Madrisa. Auf Saaser Alp hatte einst ein reicher Bauer ein Gut. Eines Winters hütete dort sein Sohn die Viehhabe, um den Heuvorrat uf dem Berg zu verfüttern, wie das noch jetzt vielfach geschieht und auch anderwärts in Bünden Sitte ist. Mehrere Wochen lang hauste er allein da oben und kam nur ins Dorf hinunter, wenn ihm die Vorräte ausgingen.
Als der junge Mann einmal längere Zeit ausgeblieben war, ohne etwas von sich hören zu lassen, da geriet der Vater in Besorgnis, es möchte ihm etwas Schlimmes zugestossen sein. Auch musste seiner Meinung nach das Futter in der Hütte so ziemlich zur Neige gehen. Deshalb machte er sich trotz strengen Winterwetters auf den Weg nach dem Berg, um selber nachzusehen, wie es oben gehe.
Erst am Abend spät kam er nach mühsamem Aufstieg beim Stall an, denn es hatte einen grossen Schnee geworfen. Er traf den Sohn eben beim Füttern an und merkte gleich, dass die Kühe zwar nicht schwer, aber doch fett und zart waren. Auch der Heustock war bei weitem nicht so stark zusammengeschrumpft, wie er erwartet hatte. Er hatte gerechnet, es könne kaum noch für einen Tag Futter da sein, und nun stellte er fest, dass dieses für mehr als eine Woche reichte. Und wie verwunderte sich der Alte erst über den reichen Vorrat an Milch, Butter und Käse, den er vorfand! Erstaunt sah er den Sohn an. «Wie kommt es», fragte er, «dass die Kühe so glatt und schön sind und Milch geben wie im hohen Sommer und dass der Heustock in der langen Zeit nicht kleiner geworden ist?». «Sieh, Vater», gab der Junge zur Antwort, «dort meine Madrisa, die hat das getan, sie hat mir geholfen, die Kühe zu füttern. Sie brachte Wurzeln und Kräuter mit, die mischte sie unter das Salz und gab es dem Vieh. Darum sind die Kühe so wohlgenährt und zart, und darum ist der Heustock noch so gross und so viel Molken da.» Indem er das sagte, wies er auf eine Lagerstätte, die, wie es Sitte ist, im Stall aufgerichtet war. Der Alte drehte sich um und erblickte ein wildes Mädchen von wunderbarer Schönheit. Das lag dort und schlief, und ihre langen, goldhellen Haarflechten hingen über die Bettlade heraus bis auf den Boden.
Der Vater schaute den Jungen abermals fragend an: «Wer ist denn das, deine Madrisa?» Da erwachte die Fremde, erhob sich langsam vom Lager und sprach zum Bauern: «Ach, dass du kommen musstest! Wäre das nicht geschehen, es wäre besser gewesen für euch und eure Herde. Unerkannt hätte ich sie mit deinem Sohn hier pflegen dürfen bis zum Frühling, da es wieder auf die Weide geht. Ungern kehre ich aus der trauten Hütte zurück in Wald und Fels. Aber nun muss es sein. Leb wohl, mein Freund!» und sie ging zur Türe hinaus. Ein letztes Mal wandte sie sich um und blickte wehmütig auf den Jüngling. Dann schwebte sie leichten Schrittes über den Schnee dahin, den Felsenhörnern zu, die ihren Namen tragen. Der junge Mann trieb im nächsten Sommer seine Herde wieder auf den schönen Berg, aber sooft er auch nach seiner Madrisa rief und im Wald und zwischen den Felsen nach einer Spur oder nach einem Zeichen von ihr suchte, es war umsonst. Kein Mensch hat sie je wieder gesehen.
© 2013
Prättigauer Alp Spektakel